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1. Einleitung
Man kann sagen, daß der Reiz
des Verbotenen immer schon vorhanden war; insbesondere die Lust an Grausamkeiten übte zu
jeder Zeit eine gewisse Faszination aus. Diese Angstlust ist erst in neuester Zeit ethisch
reglementiert. Die Unantastbarkeit des Körpers war nicht immer gewährleistet. Von
Gladiatorenkämpfen über Duelle, Schlachten, Folterungen oder öffentlichen
Hinrichtungen, Unglücken oder Katastrophen ging immer ein voyeuristischen Reiz aus. Heute
holen wir uns den Horror medial ins Haus.
2. Motive im Horrorfilm
Der Horrorfilm gehört zu
einem der ältesten Filmgenres; hat die Menschen also schon von den Beginnen des Films an
angesprochen. Klassische Filmmotive beschäftigen sich insbesondere mit sogenannten
Halbwesen wie Lebende Tote (Geister/Gespenster, Vampire, Zombies) , künstliche Menschen,
Tiermenschen, an Körper und/oder Seele deformierte Menschen, Gespaltene Menschen oder mit
dem Teufel.
2.1 Der klassische
Horrorfilm
In vergleichsweise harmlosen Gespenstergeschichten
("Poltergeist", "Das Geisterschloss") soll der Zuschauer erschreckt
werden. Sie spielen oft in einsamen Häusern, die nach Freud die menschliche Seele
darstellen sollen. Der Mensch ist hier nicht Herr in seinem eigenen Haus, wird von Wesen
verfolgt, die ihren Frieden nicht gefunden haben.
Im Motiv des Triebwesens Vampir
("Nosferatu", "Dracula") vereinigen sich die Grundtriebe Sexualität
und Aggression.
Das Motiv des Zombies
spiegelt die Urangst des Menschen vor totaler Unterwerfung unter einem fremden Willen
wider, die Angst, seine Persönlichkeit zu verlieren. Zombies werden als seelenlose,
scheinbar fremd gesteuerte, grausame Wesen dargestellt. Der willenlose Mensch kommt in
Gefahr, von anderen Menschen gefressen zu werden.
Ähnlich wie der Zombie ist
der künstliche Mensch ("Frankenstein") seelenlos und mechanisch, nur
daß der künstliche Mensch von Menschenhand geschaffen wurde und sich anschließend
verselbständigt.
Dahinter steckt der
neuzeitliche Wunsch, künstliches Leben zu schaffen. Im Horrorfilm wird davor gewarnt, die
Rolle des Schöpfers zu übernehmen.
Die Tiermenschen
("Werwolf") spiegeln alte Vorstellungen wider, sich als Mensch in ein Tier
verwandeln zu können. Teilweise wurde dies als Ehre, teilweise als Strafe empfunden. Das
Ich wird mit kannibalischen Gelüsten konfrontiert, die Angst vor animalischen Trieben
wird auf das Bild des Tieres projiziert. Oft sind die filmischen Tiermenschen mit
menschlichen Regungen ausgestattet, verlieben sich sogar und werden schließlich
vernichtet. Wie Siegfried Freud sagen würde: "Wo Es (King Kong/Werwolf) war, soll
Ich (Zivilisation) werden".
Der deformierte Mensch
("Freaks", "Die unglaubliche Geschichte des Mr. C."). Darstellung von
Riesen- oder Zwergwuchs lösen nach W. Stock beim Betrachter Gefühle aus, die das
Kindheitsstadium betreffen. Zum einen die Bedrohung von etwas übermächtig Großem, zum
anderen das Ausgeliefertsein als etwas Kleines. Andere Deformationen schüren die Angst,
nicht Herr seiner selbst zu sein.
Das Doppelgängermotiv
("Dr. Jedyll & Mr. Hyde") spielt auf die Trennung zwischen Ich und Es an.
Die Angst, nicht der zu sein, für den man sich hält.
Der Teufel ist die
Personifikation des Bösen. Man ist nirgendwo vor ihm sicher ("Rosemaries Baby",
"Das Omen").
W. Stock sieht in der
Darstellung der unheimlichen Halbwesen ein Spiegelbild unserer selbst. Die Phase des
Verlustes seiner Einheit (mit der Mutter) erlebt der Mensch in seiner frühen Kindheit. In
dieser Phase ist das Kind ein Halbwesen. Diese Leere muß später ausgefüllt werden. Der
Mensch macht also eine Verwandlung mit vom abhängigen Kleinkind zum selbstständigen,
gelösten Wesen.
2.2 Der moderne Horrorfilm
Die Motive des modernen
Horrofilms haben sich gewandelt und sprechen eher zeitgemäße Ängste an.
Beispielsweise: Die
Invasion aus dem All ("Das Ding aus einer anderen Welt", "Die Invasion
der Körperfresser") Das Motiv entstand aus der Angst vor dem Kommunismus in den 40er
Jahren. Hier geht es um die Schaffung eines Feindbildes, das vernichtet werden muß.
Auflehnung von Natur und
Technik gegen den Menschen ("Flammendes Inferno"). Dieses Motiv, seit Anfang
der 70er Jahre populär geworden, warnt vor der Übermacht der technischen Entwicklung.
Die Naturkatastrophe: Hierin enthaltene Botschaften sind die Ideologie eines selbstlosen
Führers sowie der Sozialdarwinismus. Diese Filme haben einen faschistischen Hintergrund
(einem Führer folgen, um Überleben zu können). Filme, in denen Tiere als Bestien
dargestellt werden, zeigen Parallelen zu den Sience Fiction-Filmen der 50iger Jahre, in
den Außerirdische die Welt bedrohen. Auch hier stellten sich Helden der Natur entgegen
("Godzilla", "Arachnophobia").
Splatter-Movies
("Kettensägenmassaker", "Freitag, der 13.") In diesen sog.
"Blutspritzfilmen" wird die "Bestie Mensch" mit sinnloser Grausamkeit
dargestellt. Mit der gleichen Brutalität, mit der abgeschlachtet wird, rächen sich die
oder der Überlebende. Gewalttaten werden in unmittelbarer Direktheit dargestellt, Blut
spritzt, Köpfe rollen, es wird zersägt, aufgeschlitzt, ausgeweidet... Die Filme erfreuen
sich seit Mitte der 70er Jahre einer besonderen Beliebtheit und besitzen einen
No-Future-Charakter.
3. Medien und Gewalt
Im Bereich der Medien kommt
es zu einer Gewöhnung. Wir bekommen (fast) alles geboten. Mit der Zeit entsteht eine Art
Leere und etwas Neues muß uns geboten werden. In neuester Zeit kommt es daher vermehrt
dazu, in Extreme zu gehen. Insbesondere sex & crime scheint eine spezielle Anziehung
auszuüben. Es ist zu beobachten, daß vorwiegend Gewalt (Machtausübung) gegenüber
Frauen dargestellt und konsumiert wird. Die Lust am Grauen scheint eine "archaische,
tiefverwurzelte, allgemein-menschliche" zu sein. Bei vielen löst Gewalt und Horror
eine Mischung aus Entsetzung und gleichzeitger Faszination aus. Insbesondere
Jugendliche scheinen sich besonders davon angezogen zu fühlen. Die Ursprünge hierfür
sieht W. Stock in älteren psychoanalytischen Konzepten des Jugendalters. Er beruft sich
hier auf Anna Freud (1984), die den Jugendlichen als egoistisch und mittelpunktfixiert,
andererseits aber als opferbereit analysiert hat. Der Jugendliche ist nach A. Freud
wechselhaft, leidenschaftlich und rücksichtslos, materiell und ideell gesinnt. Diese
extreme Gegensätzlichkeit bringt sie mit einem schwachen Ich in Verbindung. So könnte
man im Zusammenhang mit dieser Debatte zu dem Ergebnis kommen, daß Jugendliche
grundsätzlich gerne Extreme überschreiten, so auch die Lust am Grausamen, am Verbotenen
u.s.w. Andere Autoren beziehen die Faszination des Horrors auf die Machart der
Filme, die unterschwellige Botschaften enthalten, die die Jugendlichen ansprechen, z.B.
die Ablösung von der Mutter oder die Identifikation mit dem Täter, der Macht ausübt.
Eduard Spranger (1979) stellte fest, daß sich die Lust am Grauen insbesondere auf
Unterschicht-Jugendliche bezieht, die sich unreflektierter mit Medien-Inhalten
auseinandersetzen als solche aus den höheren Schichten. Ausschlaggebend hierfür soll die
"Entdeckung des Ichs" sein. Insbesondere bei Jugendlichen scheint eine
Notwendigkeit zum Brechen von Tabus zu bestehen. Hierzu gibt es nur noch wenige
Gelegenheiten, da medial eigentlich alles - außer eben die Extremebereiche - abgedeckt
ist. Nach Ansicht von Jugendlichen ist Fernsehen etwas für alte Leute und Kinder - wovon
sie sich verständlicherweise abgrenzen wollen. Der Konsum von Splatterfilmen kann
heutzutage unter Jugendlichen auch als Mutprobe verstanden werden, wie früher z.B.
nächtliche Friedhofbesuche o.ä. Zu unterscheiden sind darüberhinaus aktive und passive
Reise (Erich Fromm). Offensichtlich benötigt der Mensch ein gewisses Maß an Stimulation.
Dies kann zum einen durch einfache, direkte Reize (sexuelle) oder "aktivierend
Reize", mit denen man sich beschäftigen muß, passieren. Konsum von Medien hat eher
einen passiven Charakter. Je einfacher der Reiz ist, desto schneller ist der Stimulus
verflogen. Zu einer Sucht kommt es dann, wenn man Realität und Fiktion nicht mehr zu
unterscheiden weiß, sich mit fiktiven Figuren identifiziert, weil das eigene Leben nicht
mehr interessant genug erscheint. Mit gesellschaftlichen Veränderungen ändern sich auch
die medialen Angebote. Z.B. fällt die Erfindung des Splatter-Films (1968) in eine Zeit,
in eine Zeit von Doppelmoral und Jugendprotesten. Mit der Darstellung von Sex und Gewalt
wurde zu dieser Zeit schockiert und Protest ausgedrückt.
4. Mediale Gewalt / Reale
Gewalt
Es gibt Thesen, die besagen,
daß aggressive Personen gerne aggressive Medieninhalte konsumieren, um sich zu
identifizieren und um ihre Normalität bestätigt zu wissen. Die Verantwortung für das
eigene delinquente Verhalten kann dann abgeschoben werden. Als besonders interessant
erweisen sich Fälle, in denen mediale Gewalt offenbar als Auslöser für reale Gewaltaten
zu dienen schien. Z.B. ermordeten zwei englische Teenager ein zweijähriges Kind. Die Tat
wurde mit dem Horror-Video "Chucky Child´s Play 3" in Verbindung gebracht. Drei
französische Jungen, die 1993 einen Clochard totschlugen mochten Actionfilme. Drei
deutsche Satanskult-Anhänger erdrosselten einen Mitschüler,
nachdem sie den Horrorfilm "Tanz der Teufel" gesehen hatten. 1996 ging ein
14jähriger mit einer Axt auf Cousine und Nachbarin los, was mit dem Konsum des
Horror-Films "Freitag der 13." in Verbindung gebracht wurde. In diesem Fall
wurde auch der Onkel der Jungen bestraft, der ihm die indizierte Videos ausgeliehen hatte.
Der Junge selbst erhielt Strafminderung, da ein "suchtartiger" Einfluß der
Horrorvideos juristisch eingeräumt wurde. Ein besonderer Fall war auch der 1977 geführt
Prozess gegen einen 15jährigen, der eine Rentnerin ermordet und ausgeraubt hatte. Vor
Gericht wurde argumentiert, der Junge wäre unschuldig, da er durch den Fernsehkonsum
dieses Verhalten als etwas Normales suggeriert bekommen hätte. Für ihn sei das Drücken
eines Revolverabzugs nicht schlimmer als das Töten einer Fliege. Er handele
fremdbestimmt, indem er praktisch das Skript eines Fernsehfilms nachgespielt hätte. Man
könne ihm also die Verantwortung für die Tat nicht aufbürden.1999 liefen zwei Teenager
in einer amerikanischen Schule Amok und töteten 15 Menschen. Ihr "Vorbild"
sollte das Videospiel "Doom" sein. Außerdem mochten sie Filme wie
"Reservoir Dogs" und Nazi-Musik. Kurz darauf erstach ein 15jähriger Schüler
seine Lehrerin in einer Meißener Schule. Danach häuften sich Fälle von Drohungen und
Mordplänen an deutschen Schulen.
4.1 Thesen zum Konsum von
Gewalt und möglichen Auswirkungen
Der Psychologe Paul
Messerschmitt argumentiert: "Kinder werden dazu erzogen, im Fernsehen gesehene Bilder
von Mord und Gewalt zu banalisieren. Sie verwechseln dann Realität und Film". Der
Soziologe Wolfgang Sofsky (1996) geht aus von einer stets vorhandenen Latenz der Gewalt,
von einer Faszination am Bösen und einer reizvollen Schaulust. Seiner Ansicht nach gibt
es den Unbeteiligten, der soviel weiß, wie er wissen will, und den Interessierten, den
der Nervenkitzel des Ungewöhnlichen, die Angstlust der Gewalt, die Aussicht auf ein
Spektakel der Barberei reizt. Während der Voyeur sich raushält, wiegelt der begeisterte
Zuschauer auf. Dazwischen scheint es aber wenig Spielraum zu geben. Allerdings ist
eine Abscheu vor Gewalt erst in neuester Zeit zu beobachten. Andererseits ist mediale
Gewaltdarstellung mittlerweile zur Alltäglichkeit geworden. Man geht davon aus, daß
diese aber nicht die Ursache, sondern höchstens der Auslöser für reale Gewalt ist. Eine
größere Rollen spielen persönliche Probleme im sozialen Umfeld. Nach Gabriele Meierding
("Psychokiller", 1993) geht von Serienkillern eine Art Faszination aus. Die
Perversion ihrer Taten wird mit einer Mischung aus Entrüstung und Lüsternheit
wahrgenommen, da Perversionen oft sexuell attribuiert werden. Die Umwelt reagiert daher
teils mit Ekel, teils mit Schaulust. Der sadistische Mörder nimmt dem Schaulustigen
seinen eigenen Sadismus ab. Die eigenen Triebe werden projeziert; in der Phantasie kann
man sie ausleben. Nach dem Sexualwissenschaftler Eberhard Schorsch werden durch die Taten
eines Sadisten die eigenen Phantasien angeregt, die sich ein Ventil schaffen können im
Dienste von Strafe und Vergeltung zur Wiederherstellung der Ordnung statt der eigenen
Lüste. Durch negative Projektion auf einen Sündenbock befreien wir uns vom Verbotenen.
In der Phantasie kann Verbotenes real werden. In Lynchjustizfällen übertreffen die
Rachephantasien der Bürger an Grausamkeit oft die tatsächlichen Taten des Täters.
5. Theorien zur Lust am
Verbotenen
Nach Peter Widmer ("Die
Lust am Verbotenen", 1991) ist etwas umso reizvoller, je verbotener es ist. Verbot
steht im Zusammenhang mit Überschreitung. Das Verbotene tritt an die Stelle des
Unmöglichen. Schon zu Anfang der menschlichen Geschichte wurde durch Adam und Eva ein
Verbot überschritten. Hier scheint der Wunsch oberhand zu gewinnen, dadurch Befriedigung
zu erlangen, etwas besonders Begehrenswertes zu erhalten. Die Frage ist, ob Adam und Eva
diese Ursünde begingen, um mehr oder weniger (einen Mangel) zu erhalten. Da auf das
überschrittene Verbot die Strafe folgt, wird hier in Gut und Böse differenziert. Das
Vollkommene scheint langweilig zu sein. Da das Verbot - im Vergleich zum Gebot - nicht
empfiehlt sondern befiehlt, schränkt es die eigene Entscheidungsfreiheit ein. Ein Verbot
wird nicht als Schutz, sondern als Machtausübung empfunden. Verbote lassen sich in
inhaltliche und formale unterscheiden. Inhaltlich fordert es Vernunft und Einsicht. Formal
verlangt es einen Akt des Gehorsams. Beide Ebenen überkreuzen sich. Durch das
Überschreiten eines Verbotes ist man selber wieder in der Lage, Macht auszuüben, indem
man verweigert und durch seine Handlung provoziert. Werden keine Verbote ausgesprochen,
ist zu beobachten, daß nach der Konfrontation mit Regeln, Verboten, Vorschriften
regelrecht gesucht wird, um einem willkürlichen, undefinierten Zustand zu entgehen.
Heutzutage werden ständig Grenzen überschritten; das Unmögliche - beispielsweise neue
technische Entwicklungen - gehören zum Alltag. Wir gewöhnen uns daran. Weitere
Grenzüberschreitungen sind die Lüge, die Zerstörung - von Kriegen bis hin zur
Zerstörung der Natur - die in der Natur des Menschen zu liegen scheint. Der Suizid,
direkt oder schleichend durch "Vergiftung", Dauer-Streß oder das Begeben in
Extremsituationen. Auch das Verfallen in eine Sucht gehört zur Grenzüberschreitung. Man
konsumiert unersättlich und begibt sich damit in einen Bereich außerhalb des
"Normalen". Der Wahnsinn als etwas Krankhaftes, kennzeichnet andererseits etwas
Abweichendes oder Intensives außerhalb der Norm. Der Wahnsinn kann sich auch in der
Verselbständigung der Phantasie äußern.
5.1 Spielt der menschliche
Trieb eine Rolle?
Der Mensch kennt sich selber
nicht vollständig. Triebe bleiben ihm vorerst verschlossen. Er hat also eine unsichtbare
Seite, die er zum einen kontrollieren und verstehen möchte, auf der anderen Seite diese
auch nicht missen möchte. Peter Widmer vergleicht dieses beispielsweise mit der
Trotzphase, in der das Kind sich einerseits von der Mutter unabhängig machen will, auf
der anderen Seite ihren Schutz sucht. Nach Freud ist der Mensch seinen instinktiven,
primitiven Trieben ausgesetzt. In der Gesellschaft muß er diese Triebe unterdrücken. Die
Zensur hindert den Menschen daran, seinen Trieb zu realisieren. Das instinktive "Es
" wird in der Gesellschaft zum "Ich" sozialisiert. Trieb und Moral stellen
sich also gegenüber. Nach Freud soll es eine Art Todestrieb geben. Die Diskussion darum
is bis heute nicht beendet. Auch Freud ließ die Frage um "angeboren -
erworben", "individuell - gesellschaftlich" offen. Bei dem
Zerstörungstrieb soll das menschliche Streben nach einem paradisischen Zustand eine Rolle
spielen. Der Differenzierung von Gut und Böse soll sich nach J. Lacan (1973) im
frühkindlichen "Spiegelstadium" (das Stadium der "Menschwerdung", der
"Ichkonstruktion") herauskristallisieren. Durch die Wirkung der Sprache auf den
Menschen kommt es zu einer inneren Zerrissenheit. Die Menschen vereinzeln sich, begreifen
ihre Endlichkeit. Andere Menschen treten an die Stelle des Spiegels. Der Wunsch nach einer
heilen Welt, nach Macht oder nach Rückkehr in den Mutterleib kommt auf. Da sich eine
heile Welt als Illusion entpuppt, kann es zu einem Hassgefühl kommen. Die jeweilige
Mutter-Kind-Beziehung stellt hier ihre Weichen für die spätere Weltanschauung.
6. Innere/Äußere Zensur
Peter Widmer spricht von
einer inneren Zensur als verinnerlichte Unterdrückung, die sich auf äußere Bedingungen
zurückführen lässt. Hier wird der Mensch selbst zum Moralträger. Innere Zensur schafft
die Empfindung, unfrei zu sein. Das Vorhandensein einer äußeren Zensur lenkt von
der eigenen Aggressivität ab, da etwas äußerliches bekämpft werden muß; der Wunsch,
sich vom inneren Zensor zu befreien. Gäbe es keine Zensur, käme es zu einer
Verwahrlosung. Zensur setzt ein bei sozial bedenklichen Medienangeboten, insbesondere im
religösen, juristischen, politischen, moralischen und jugendschützendem Bereich. Bei
diesen Verboten wird der Mensch in seiner eigenen Kompetenz beschnitten. Er darf nicht
selbst entscheiden, was er konsumiert, es wird im durch die Norm aufoktrojiert. Verbote
werden als einschneidend empfunden und annimieren gerade deshalb dazu, sie zu
überschreiten. Durch die Überschreitung von Tabus und Gesetzen entsteht ein Gefühl von
Stärke und Macht.
6.1 Zensurbefürworter
Während die Darstellung von
Sex und Gewalt für die einen eine Form von Freiheit darstellt, sehen die anderen darin
einen Verfall von Sitte und Anstand. Geschützt werden sollten insbesondere der soziale
Friede, die Jugend, Normen und Werte, Staats-Status quo und innere Sicherheit sowie die
Privatsphäre und historische Wahrheiten. Zensurbefürworter verweisen besonders auf die
Eindämmung medialer Jugendgefährdung oder Sozialschädlichkeit, eine Verhinderung
politischer Destabilisierungstendenzen durch Propagandadelikte sowie den Schutz der
Privatsphäre, der Persönlichkeitsrechte und der Meinungen von Minderheiten. Nach Michael
Brenner (1996) findet in unserer Gesellschaft "ein Abstumpfungsprozeß gegenüber
Gewalt und jeglicher Menschenverachtung statt". Pädagogen haben die Befüchtung,
daß es durch den Medien-Konsum zu einer "medieninduzierten Delinquenz" beim
(jungen) Konsumenten medialer Sex- und Gewaltdarstellungen" durch das "Lernen am
Modell" kommen kann. Solche Nachahmungstäter liefern den Zensurbefürwortern
Argumente. Insbesondere Filme und Musik besitzen ein hohes Identifikationspotential und
Vorbildcharakter für Jugendliche.
Die Medienwirkungsforschung
stellte verschiedene Theorien zum Thema Extremdarstellung bereit. Hierunter finden sich
u.a. die
-
"Katharsistheorie": Sie basiert auf der Frustrations-Aggressions-Hypothese und
schreibt dem Gewalt-Konsum eine reinigende Wirkung zu, die reale Gewalt verhindert. Die
These konnte empririsch nicht bestätigt werden.
Eine verminderte
Gewaltbereitschaft durch Abfließen der Aggressivität durch das Ansehen aggressiver
Medieninhalte erfolgt nicht.
-
"Inhibitionstheorie": Bei insbesondere realistischen Gewaltdarstellungen, die
die Konsequenzen für das Opfer zeigen, wird eher Angst als Aggression bewirkt. Auch diese
Theorie konnte widerlegt werden.
- Die
"Habitualisierungstheorie", nach der der längerfristige Konsum zu einer
Gewöhnung, zu Abstumpfung führt
- Die
"Nachahmungstheorie" (Lerntheorie), in der davon ausgegangen wird, daß
insbesondere Minderjährige am Vorbild lernen.
Man muß davon ausgehen, daß
hier individuelle Einflüsse wie Geschlecht, Alter, Bildung oder soziales Umfeld sowie
spezielle Persönlichkeitsmerkmal mit hineinspielen. Ein Habitualisierungs- und
Abstumpfungeffekt läßt sich dennoch tatsächlich feststellen.
6.2 Zensurgegner
Medienfreiheit sowie
selbstbestimme Mündigkeit der Rezipienten sind die Argumente der Zensurgegner. Sie
fühlen sich durch Tabus und Verbote in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt. Der
Berliner Regisseur Jörg Buttgereit meint zum Thema: "...der Film bietet die
zivilisierteste Form von Sensationslust, die man haben kann". Nach Horkheimer/Adorno
(1988) ist nur die Übertreibung wahr: "Das glückliche Dasein in der Welt des
Grauens wird durch deren bloße Existenz als ruchlos widerlegt". Der
Filmwissenschaftler Amos Vogel: "Es ist niemals das Bild, das zu weit geht, sondern
immer nur die Realität." Der Kunstwissenschaftler Hans D. Baumann (1989): Die
christliche Kirche, die "einen großen Teil der menschlichen Tätigkeitsbereiche, die
lustvoll besetzt sind, zu Sünden erklärte", und die Körperfeindlichkeit oder die
Wertschätzung erlittener Märtyrerqualen Vorstellung von Lust und Gewalt koppelte, ist
eines der Hauptargument für die Auseinandersetzung mit dem Grauen. Wenn man auf der
anderen Seite bedenkt, daß es zur Normalität gehört(e), Kindern Grimms Märchen
vorzulesen, in denen es vergleichsweise ähnlich brutal zugeht wie in zeitgemäßen
Horrorfilmen, sieht man, daß es den Kindern offentlichlich nicht geschadet hat. Eine
Rolle spielt hier die Fiktionalität, die Distanz, aus der man den Horror betrachtet und
die Möglichkeit, sich freiwillig dafür zu entscheiden.
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